Angst, Panik und Aktionismus im Online-Marketing (1)

Die drei aus der Überschrift waren, sind und werden niemals gute Ratgeber sein. Deshalb lautet mein erster und vielleicht wichtigster Vorschlag für den geneigten Leser dieser Zeilen:

Was auch immer Sie bewogen hat, meine in elektronische Buchform gegossene Besserwisserei zu erwerben – und sogar mit dem Lesen zu beginnen – es hat Zeit. Eigentlich sollten wir ja immer die Zeit haben, unseren Taten ein paar Gedanken voranzustellen. Vor allem, wenn es ums Geschäft geht. Vor allem, wenn es um IHR Geschäft geht. Oder um eines, das Ihnen anvertraut wurde.

Ich kann und will Ihnen aber hier keine klugen Ratschläge erteilen, da ich kein Berater bin. Und nicht alt genug. Am Ende müssen Sie die Suppe sowieso ganz allein kochen und auslöffeln. Vielmehr beschränke ich mich darauf, meine Gedanken und Erfahrungen zu beschreiben. Vielleicht eröffnet  das für Ihre individuelle Herausforderung ein oder zwei neue Perspektiven. Mehr will ich gar nicht anbieten.

Von Zeit zu Zeit gibt es Unternehmen, die in irgendeiner Form den Anschluss verpassen und vom Markt gefegt werden. Jedoch bleibt in diesem Zusammenhang oft unerwähnt, dass es auch viele Unternehmen gibt, die nicht jeden Trend mitmachen und gerade deswegen erfolgreich sind.

Im Schwäbischen, wo ich viel Lebenszeit verbracht habe, lebt man das als „bodenständige Zurückhaltung“.

Man könnte natürlich auch Trägheit sagen. Aber Trägheit ist – wenn man die physikalische Seite des Begriffes bedenkt, in diesem Fall gar nicht so schlecht. Versuchen Sie mal einen mit hundert Kilometern pro Stunde fahrenden Vierzigtonner zu stoppen. Sie werden dafür ziemlich viel Energie brauchen. Oder eine sehr, sehr große Masse.

Und da sich die Träge Masse des Vierzigtonners im Rahmen der bei uns herrschenden Naturgesetzte eben nicht abrupt stoppen lässt, ist es vermutlich besser, im Moment des Aufpralls ein paar Schritte entfernt zu stehen.

Es sei erwähnt, dass wir dieses Gedankenexperiment mit einem der neuen, völlig autonom fahrenden LKWs auf einem entlegenen Salzsee durchgeführt haben, so dass zu keinem Zeitpunkt Menschenleben in Gefahr waren.

Aber zurück zur Trägheit. So ist das ja auch mit funktionierenden Unternehmen. Diese zu stoppen, geht nicht von heute auf morgen.

Es bleibt also immer genügend Zeit zum Nachdenken, bevor man aus gefühlt notwendigem Aktionismus Hals-über-Kopf irgendwas tut, ohne es wirklich zu durchdenken. Nehmen wir Facebook. Mich würde interessieren, wie viele Facebook Seiten von Unternehmen brach liegen, weil keiner Zeit findet, täglich damit zu arbeiten. Und selbst wenn jemand Zeit findet. Findet er auch sinnvolle Inhalte, die dem Medium und seinen Nutzern gerecht werden? Und zwar in der Frequenz, die das Medium erfordert? Jede Woche.  Jeden Tag?

Man sagt: „Never touch a running system“. Na gut. Erst in jüngerer Vergangenheit ist ein großer Mobiltelefon-Konzern vom praktisch vom Markt verschwunden, weil man – erfolgsverwöhnt – nicht bereit war, ein laufendes System zu überdenken.

Aber dieses Ende hat sich ja über viele Jahre hingezogen. Ich meine etwas anderes.

Dazu ein Bild aus meiner Branche. Auch wir Filmemacher kämpfen mit der Schnelllebigkeit unserer Zeit. Natürlich freuen wir uns über die zahlreichen technischen Möglichkeiten und die günstigen Preise für professionelles 4K-Kameras. Doch zugleich werden wir von den Software- und Hardware Herstellern vor uns hergetrieben wie eine Gazelle auf der Flucht vor den Löwen. Teils überdauert die jeweils aktuellste Versions eines Schnittprogramms nicht einmal den Zeitraum eines Spiel- oder Dokumentarfilmprojektes.

Kein halbwegs erfahrener Profi käme aber auf die Idee, mitten in einem Projekt ein Update zu installieren. Selbst ein dringend notwendiges Sicherheits-Update beim Betriebssystem würde man nur mit Angstschweiss auf der Stirn ausführen, weil man nie weiß, ob danach noch alles „läuft“.

Wie geht man vor? Projekt fertig machen. Neues System aufsetzen. Nächstes Projekt auf dem neuen System anfangen. Oder: Neues System parallel aufsetzen. Transfer versuchen. Bei Erfolg altes System verkaufen oder auch erneuern.

Ich verspreche, ich werde Sie nicht weiter mit technischen Themen langweilen. Aber Sie werden dieses Beispiel vielleicht von Ihrem eigenen Computer kennen: „Horst! Ich hab das Update jetzt drauf und nichts geht mehr! Der hängt einfach!“

Genaus so ist das doch im übertragenen Sinne mit allen neuen Dingen, die uns aus der gemütlichen Trägheit des „businnes-as-usual“ herausreißen, uns zwingen, den Starbucks-To-Go-Kaffeebecher mit der handschriftlichen Notiz „Horst“ aus der Hand zu stellen, die Füße vom Schreibtisch zu nehmen und zum Fenster zu gehen. Was ist denn da draußen los? Die haben ja alle Smartphones an irgendwelchen langen Stäben und drehen sich im Kreis. Ups. Das war knapp. Den hätte fast die Tram erwischt!

Vor allem eben das „Social Media Marketing“ mit seinen diversen Subtrends hetzt uns alle beinahe täglich zum Fenster. Manche stehen schon gar nicht mehr auf, was oft auch besser ist. Doch auch der gemütlichste, erfolgsverwöhnte Mittelständler im tiefsten Schwarzwald ahnt heute, dass es kein zurück mehr gibt. Eine Generation von Marketing-Menschen strömt in die Büros, die als erstes nach Facebook, Youtube und Co fragen. Und was noch schlimmer ist: Facebook, Youtube und Co sind schon lange nicht mehr die neusten Trends. Und ich schreibe hier auch nicht über Trends, denn die sind längst aus der Mode, wenn ich diesen Text gedruckt habe. Ich schreibe über Grundsätzliches.

Und jetzt kommen Sie und sagen (zu recht): wir haben doch alles gemacht! Homepage. Schon vor Jahren. Und schon drei „Relaunchs“. Onlineshop. Facebook. Twitter ab und zu. SEO oder wie das heißt. Dauernd. Adwords und alles.

Doch nun wird Ihnen langsam aber sicher bewusst: für das ganze Zeug braucht man auch Inhalte. Und zwar nicht nur aller drei Jahre – zum Relaunch – sondern beinahe täglich. Aber woher um Himmels willen? Wer macht das? Und wir haben doch gar nicht so viel zu erzählen!

DARAUF wurden viele nicht vorbereitet. Daran haben die vielen Berater und Agenturen in den seltensten Fällen gedacht (die guten haben die laufende Begleitung gleich mitverkauft!). Aber eben diese Inhalte brauchen Sie natürlich, damit google & Co. Sie und Ihr Geschäft ernst nehmen.

Und jetzt kommt es ganz dick! Nachdem Blogs heute eine gute Möglichkeit sind, jenseits von Produkten und Dienstleistungen die damit verbundenen Themen zu platzieren (um wenigstens etwas Reichweite zu generieren), wollen „die da draußen“ jetzt plötzlich nicht mehr lesen.

Ja. Oder vielmehr nein. Die Menschen lesen nicht mehr. Können Sie sich das vorstellen? Schwierig? SIE lesen ja offensichtlich noch. Aber wann? Und unter welchen Umständen? Beobachten Sie sich mal beim „surfen“. Ich meine natürlich im Internet. Ihren gestresst zuckenden Klick-Finger oder Touchfinger. Die Augen, die hektisch den Bildschirm scannen und versuchen, Relevantes aus der unendlichen Informationsflut herauszufiltern. Wer LIEST da noch? Bestenfalls ÜBERFLIEGEN wir die Zeilen. Und wehe, irgendwo gibt es dieses vertraute Symbol, dieses nach rechts weisende Dreieck. Meist in der Mitte eines Kreises: Den PLAY-Knopf. Eindeutiges Signal dafür, dass wir uns einen Moment zurücklehnen und entspannen dürfen. Berieseln lassen. Nicht suchen, nicht klicken, nicht denken. So geht das heute!

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